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05.10.12 11:39 Age: 2 yrs

The Hirsch Effekt - Holon: Anamnesis

Category: reviews, featured record

Wie schon mit Ihrem Debut vor gut 2 Jahren legen The Hirsch Effekt aus Deutschland ein beeindruckend tiefgründiges und facettenreiches, von Genre-Grenzen befreites Album vor, das sicher Zeit braucht, aber durch Tiefe und Substanz belohnt.

Genauso schwer fällt es aber, den Leser durch die üblichen Schubladen auf die richtige Fährte zu bringen. Ist es Rockmusik? Ja, sicher. Alternative oder Indie? Joa, hier und da. Punk? Vom Gefühl her ja, sogar hier und da wütend wie Hardore. Metal? Aber sicher, die Gitarren gern bratzig, das passt. Prog? Nun, fast 70 Minuten für 9 Stücke sind ein Indiz. Und sonst? Da ist Pop, auf jeden Fall, mehr als zuvor, und da sind Streicher, da sind akkustische Passagen, da ist Screamo, und das oft alles neben- und nacheinander. Nunja. Geschüttelt und gerührt bitte, bis man keine Einzelteile mehr erkennt.

Ein paar Element gilt es also zu beschreiben, damit man überhaupt was schnallt. Der Gesang zB. ist erwähnenswert. Über weite Teile sehr melodisch, am Anfang gewöhnungsbedürftig aber durchaus passend, wird hier und da aber auch gebrüllt was das Zeug hält. Und auch wenns sowas tausend Mal gab – bei THE klingt das ein bisschen anders, und das ist gut so.

Musikalisch gibts den vollen Blumenstrauss. „Anamnesis“ fängt an wie ein Song von Beirut, schwingt sich dann leise mit Gesang und Keyboards auf, bricht die Ruhe mit Gitarre, Drums und Violinen, und legt dann doch noch ordentlich los. Mit 3 Minuten aber eher Intro zu „Limerent“ denn richtiger Song. Der setzt dann ein, ist laut, ruhig, brüllt und singt, es gibt Blastparts, Disharmonien, und klar, hier brauchts ne Runde oder 3 um folgen zu können. So wie auch bei „Absenz“, das zwar gefällig beginnt, aber im Mittelteil durch einen fies noisigen Metalpart verstört, bevor es am Ende hymnisch und melodisch wird. „Agitation“ spielt mit vor und zurück und laut und leise, folgt aber beinahe einer klassischen Struktur, die gut gefällt. „Ligaphob“ braucht gute 4 Minuten, um sich aufzubauen, explodiert dann mit vielschichtigem Gesang, lauten bratzigen Gitarren und Keyboards für eine tiefe Atmosphäre, und klingt dann beinahe ebenso lange aus. „Mara“ nimmt sich ebenso Zeit, und wird in der Mitte richtig sperrig, ist nah am Screamo und klingt mit einem Kirchengesang aus. Verrückt? Ja sicher. Funktioniert? Auch. „Irrath“ ist beinahe ein bisschen untypisch, weil es ein richtiger Song ist, beinahe handlich und poppig, der am Ende schön explodiert, beinahe ohne Schnörkel und Ballast. Auch das kann man: Progressiv und instrumental. „Ira“ sind in der ersten Hälfte irres Gekreische und beinahe Mathcore-Zustände, bevor man den Song in der zweiten Hälfte einfängt und herrlich hymnisch ausklingen lässt. Das Finale ist ruhig und wirkt wie ein Outro, hat aber eben auch Ecken und Kanten, um genau das nicht zu sein.

Das ganze ist unterm Strich wirklich eine kleine Rockoper geworden. Über ein Dutzend Gastmusiker aus allen möglichen Bereichen bereichern den Sound der Band, von Chorälen über Samples, reiche Instrumentierung mit Violinen und mehr baut man hier wirklich Tiefe auf – die aber eben auch Zeit und Energie vom Zuhörer verlangt. Die wird aber belohnt, auch wenn sicher nicht jeder mit so einen wilden, in gewisser Weise grenzenlosen Werk klarkommen wird.

Label: Midsummer Records

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